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Die Stoßzähne

Einakter

Lacroix: ... Allerdings, Monsieur, dass Sie Stoßzähne haben wie ein Elefant, ist mir ein Rätsel.

M. Dent: Ich kann es mir selbst am wenigsten erklären.

Lacroix: Wie sind diese Zähne wohl in Ihr Gesicht gewachsen?

M. Dent: Eines Morgens wachte ich auf: Da waren sie!

Lacroix: Unglaublich!

M. Dent: Aber wahr. Nicht wahr?

Lacroix: Ich weiß es nicht. Sind Sie echt ... die Zähne?

M. Dent: Prüfen Sie. Nehmen Sie einen mit Ihrer Hand.

Lacroix: Tatsächlich. Sie sind ...

M. Dent: Echt? Ich weiß nicht. Manchmal fühlen Sie sich falsch an. Unwirklich. Nicht

passend.

Lacroix: Nein, das denken Sie nur. Doch, ja. Sie stehen Ihnen gut.

M. Dent: Die Zähne? Ich weiß nicht. Meine Mutter macht immer ein solches Geschrei,

wenn sie mich sieht.

Lacroix: Nun, sie kennt Sie anders. Ihr Gesicht, meine ich. Diese Veränderung ... - das

schockiert sie. Ich meine: So eine massive, nicht umkehrbare Veränderung ...

M. Dent: Ich frage mich, ob ich Sie absägen sollte. Aber was dann?

Lacroix: Ja, was dann?

M. Dent: Die Leute werden schauen. Werden denken: `Wo sind seine Zähne? Gestern waren sie noch da!`

Lacroix: Ja, das werden die Leute denken.

M. Dent: Denken Sie nicht auch: Diese Zähne gehören zu mir? Wie Ihre Zähnen zu Ihnen gehören?

Lacroix: Ich bin zufrieden mit meinen. Würde ich sie absägen, was bliebe noch?

M. Dent: Ja, und die Werbeeinnahmen! Man bezahlt mich für diese Eckzähne. Lädt mich in Talkshows ein. Man will mich in Rom sehen, auf der Alta Moda.

Lacroix: Ist nicht wahr!

M. Dent: Gestern erhalte ich die Einladung. Man will mich in ein Kostüm stecken, mit Federn und Pluster, all so was. Meine Zähne wären passend. Unverwechselbar. Außergewöhnlich ...

Lacroix: Sie sagten: Man lud sie ein?

M. Dent: Niemand hat mich bisher ausgeladen. Das wundert mich am meisten.

Lacroix: Wer ist das, der sie einlädt?

M. Dent: Alle. Ich bekomme Einladungen von ganz oben und ganz unten. Wenig aus dem Mittelfeld. Ich tanze zwischen den Extremen, wenn Sie wollen.

Lacroix: Wo gefällt es Ihnen am besten?

M. Dent: Das fragen Sie noch? Zuhause. Bei zugezogenen Vorhängen!

Lacroix: Aber sind Sie nicht stolz, was Sie ... Nein, ich formuliere es anders.

M. Dent: Ja bitte.

Lacroix: Würden Sie es nicht vermissen: all die Einladungen, der Rummel, die Aufmerksamkeit?

M. Dent: Monsieur, es ist nicht das. Es geht darum, was ich mit meinen Zähnen in der Welt bewege. Denken Sie größer. Weiter.

Lacroix: Ich versuche es.

M. Dent: Auf wie vielen Titelseiten haben Sie meine Zähne gesehen?

Lacroix: Tja ...

M. Dent: In wie vielen Fernseh-Shows ...

Lacroix: Tja also ...

M. Dent: Kinder in Mexiko kaufen Figuren, die mir gleichen.

Lacroix: Das ist wahr. Ich habe es bei meiner Frau gelesen.

M. Dent: Sie sind verheiratet?

Lacroix: Ich war es. Kurzzeitig. Sie hat mich verlassen.

M. Dent: Worin hat sie gelesen?

Lacroix: In dieser Zeitschrift; einem Magazin für Männer ...

M. Dent: Ihre Frau liest so etwas?

Lacroix: Sie las. Sie ist fort. Worauf wollen Sie hinaus ...?

M. Dent: Männer. Was ist noch ein Mann, Monsieur? Bin ich ein Mann, mit solchen Zähnen? Mancher würde behaupten, ich wäre männlicher wie keiner sonst. Ich denke anders darüber.

Lacroix: Sie sind es, bei Gott. Welcher Mann würde sich nicht solche Zähne wünschen?

M. Dent: Würden Sie?

Lacroix: Tja ...

M. Dent: Da sehen Sie. Warum hat Sie Ihre Frau verlassen?

Lacroix: Ach, wer kann die Frauen verstehen?

M. Dent: Ja gut. Haben Sie weitere Fragen? Draußen warten andere Reporter.

Lacroix: So viele. Im Korridor habe ich zehn von ihnen gesehen.

M. Dent: Von welchem Magazin sind Sie? Ich vergesse zu fragen.

Lacroix: Von der Zoologischen Zeitschrift ...

M. Dent: Sie arbeiten im Zoo?

Lacroix: Für das Magazin des Zoos.

M. Dent: Des städtischen Zoos? Parc zoologique de Paris?

Lacroix: Jawohl.

M. Dent: Und?

Lacroix: Was und?

M. Dent: Was denken Sie, wenn Sie mich so sehen? Was werden Sie später Ihren Kollegen sagen?

Lacroix: Ich weiß nicht.

M. Dent: Vielleicht werden Sie fragen: `Haben wir nicht, neben den Elefanten, einen kleinen Käfig frei? Können wir ihn nicht zu den Pinguinen setzen, auf einen ... Stein?`

Lacroix: Ich denke so etwas bestimmt nicht.

M. Dent: Gut.

Lacroix: Ich denke, es müsste einen Platz für Menschen wie Sie geben. Das ist wahr.

M. Dent: Für Menschen wie mich?

Lacroix: Nun, Sie sind außergewöhnlich.

M. Dent: Wer ist das nicht vor Gott!

Lacroix: Ja, gewiss. Aber diese Zähne ... Nun ja ... Vampire haben Zähnchen dagegen.

M. Dent: Nun, ich bin also außergewöhnlich. Wohin mit mir? Nicht in den Zoo? Nicht in einen Käfig? ... In einen Wald?

Lacroix: Sie könnten ein Vorbild sein.

M. Dent: Bin ich es nicht längst? Für die Mexikaner?

Lacroix: Nun ... Würden Sie in einem Hotel arbeiten ...

M. Dent: Als was?

Lacroix: Oder in einer Gärtnerei ...

M. Dent: Was reden Sie da, Mensch?

Lacroix: Es sind nur Gedanken. So geht es mir immer, wenn ich nach einer Lösung suche. Ich muss den Gedanken freien Lauf lassen.

M. Dent: Deswegen ist Ihre Frau fortgelaufen? Ihrer vielen Gedanken wegen?

Lacroix: Nicht doch.

M. Dent: Sie sind doch Monsieur Lacroix.

Lacroix: Woher kennen Sie meinen Namen?

M. Dent: Er steht auf dem Schild, an Ihrer Jacke.

Lacroix: Aber Sie sprechen meinen Namen so bestimmt aus. Als würden Sie ihn kennen.

M. Dent: Ich kenne ihn. Nun, ich sehe Sie heute zum ersten Mal, das ist wahr. Aber Ihre Frau hat Sie mir gut beschrieben.

Lacroix: Meine Frau? Himmel!

M. Dent: Stört Sie, wenn ich weitererzähle?

Lacroix: Was wollen Sie erzählen?

M. Dent: Sie haben Recht, Monsieur Lacroix. Es gibt Bewunderer. Viele Frauen suchen einen außergewöhnlichen Mann. Den sie finden, wenn sie mich sehen. Ihre Frau war so eine suchende Bewunderin. Sie sah mich den ganzen Tag an. Die ganze Nacht.

Lacroix: Was reden Sie, Himmel!

M. Dent: Sie hat mir genau Ihren Gesichtsausdruck beschrieben. Ihre Augenbrauen, Ihre Nase.Alles ist wahr, bei Gott. Nun, grämen Sie sich nicht, Monsieur Lacroix. Ich konnte ihr nicht widerstehen. Es war nur für eine Nacht. Sie sagte, dass Sie heute zu mir kommen würden, wegen dieses lächerlichen Interviews für Ihren ... Zoo. Grämen Sie sich nicht. Ihre Frau, warum auch immer, sie liebte diese Zähne. Sie konnte nicht anders. Sie war mir verfallen.

Lacroix: Sie ärgern mich.

M. Dent: Nicht im geringsten.

Lacroix: Sie machen sich lustig.

M. Dent: Ich mache mich lustig. Ja. Doch es gibt Frauen, die himmeln mich dieser Stoßzähne wegen an. Viel zu viele. Was will man machen? Den natürlichen Vorteil soll man ausnutzen.

Lacroix: Da haben Sie recht. Die Vögel machen es nicht anders. Hat einer einen größeren Schnabel, ein üppigeres Gefieder ... das wird sofort benutzt.

M. Dent: Da haben Sie es. Ein natürlicher Vorteil. Dieser Vorteil ist mir über Nacht angewachsen, in Form von zwei Eckzähnen. Mancher Mann beneidet mich. Wer weiß: Vielleicht hat man diesen Vorteil weit früher für mich vorgesehen, bei meiner Geburt. Und, einer Vergesslichkeit der Natur wegen, wuchsen mir diese Zähne erst später, nach vierzig Jahren?

Lacroix: Aber stellen Sie sich vor, diese Stoßzähne wären Ihnen schon bei der Geburt gewachsen! Wie hätte das ausgesehen!?

M. Dent: Ja, und wie wäre ich durch den Geburtskanal gekommen! ... Nein, die Natur weiß, wann sie was tut, und sie tut es richtig. Auch in meinem Fall. Gewiss, ich musste mich an meinen neuen Vorteil gewöhnen. Es brauchte Zeit. Einige Tage. Wochen. Aber mein Gott: Wozu gibt es Psychologen? Man muss sein Schicksal annehmen. Man muss zu sich selbst finden. Es ist, in gewisser Hinsicht, ein spiritueller Akt. Und dennoch: Demut vor dem, was mir geschehen ist. Es geschieht nicht jedem. Wahrlich nicht.

Lacroix: Vielleicht schreiben Sie ein Buch darüber?

M. Dent: Vor allem will ich den Menschen helfen. Ich will Ihnen sagen: Ihr könnt das auch. Ihr könnt auch euer Schicksal annehmen, so wie ich das meine annehme. Verstehen Sie, was ich sage? ... Das Neue zum eigenen Vorteil nutzen.

Lacroix: Ich verstehe. Meine Frau, meine Ex-Frau, wollte auch immer, dass ich mein Schicksal annehme. Ich habe es nie ... Vielleicht sollte ich zu ihr gehen? Sagen, dass ich mich verändere?

M. Dent: Das sollten Sie.

Lacroix: Ich wollte nie bei diesem Magazin arbeiten.

M. Dent: Gewiss. Ich sehe, Sie meinen es ernst.

Lacroix: Ja, ich könnte selbst ein Buch schreiben. Schriftsteller werden.

M. Dent: Tun Sie`s.

Lacroix: Meine Frau hat immer davon geträumt, einen Schriftsteller zum Mann zu haben.

M. Dent: Das Leben ist kurz. Nehmen Sie Ihr Schicksal an. Heute noch.

Lacroix: Ja. Sie haben Recht! Ich werde kündigen und hole meine Frau zu mir und den Kindern zurück.

M. Dent: Sie haben Kinder?

Lacroix: Ach sehen Sie, jetzt weine ich.

M. Dent: Sie weinen. Herrgott.

Lacroix: Ich weine. Zwei Kinder habe ich. Nein: Eins.

M. Dent: Sie stellen sich auch an!

Lacroix: Dieser dumme Zoo, dieses Magazin ... Ich wollte nie für dieses Magazin arbeiten!

M. Dent: Es gibt Schlimmeres.

Lacroix: Sie haben gut reden, mit Ihren Zähnen!

M. Dent: Was?

Lacroix: Ach, nichts. Ich danke Ihnen. Ja, ich danke Ihnen. Sie haben mir die Augen geöffnet.

M. Dent: Dem Herrgott sei Dank.

Lacroix: Wie Sie es machten ... ich weiß es nicht. Alles schwimmt. Ist so unwirklich.

M. Dent: So ist alles, wenn es beginnt.

Lacroix: Ein neues Leben beginnen. Ja ...

M. Dent: Ja gut. Ach, bitte, sagen Sie beim Hinausgehen meiner Assistentin, sie soll die anderen Reporter fortschicken. Ich will gleich zum Essen, ins Le Procope.

Lacroix: Ach, da arbeitet meine Frau.

M. Dent: Tatsächlich? Das wusste ich nicht. Nun, Monsieur, es war so gut mit Ihnen zu sprechen. Das Photo von mir legt Ihnen meine Assistentin draußen bereit. Die Zähne sind darauf gut zu sehen. Gehaben Sie sich wohl.

Lacroix: Ja, ich ... Also ...

M. Dent: Gut, gut. Auf Wiedersehen, Monsieur. Und denken Sie immer: Vertrauen Sie dem Leben und der Stimme Ihres Herzens.

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© 2021 by Ben Rakidzija.

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